Abwasserentsorgung in der Menschheitsgeschichte
Wenn man sich näher mit der Abwasserentsorgung beschäftigt, stößt man unweigerlich auf eine höchst natürliche, ja alltägliche Tatsache: Was ein Organismus nämlich an Nahrung zu sich nimmt, wird nach dem Verdauungsprozess auch wieder ausgeschieden. Bereits im Alten Testament steht dazu zu lesen: "...und wenn du gesessen hast, sollst du zuscharren, was von dir gegangen ist". Nun, diese hygienisch und gesundheitlich so wichtige Erkenntnis ist vielleicht an die 3000 Jahre alt. Sie lässt aber offen, wie das in großen Siedlungen und Städten mit mehreren tausend Menschen hätte funktionieren sollen.
Geburtsstunde der Kanalisation
Schlaue Köpfe erkannten aber schon sehr früh, dass ein Bach auch ein praktisches Transportmittel darstellt. Das war wohl die Geburtsstunde der "Kanalisation". So fanden Archäologen in einer am Indus gelegenen Stadt, die zu ihrer Blütezeit 40.000 Einwohner hatte, ein 4000 Jahre altes System von Abwurfschächten und Kanälen!
Auch Ägypter, Griechen und Römer
wussten viel zu diesem Thema: Es gab öffentliche Bedürfnisanstalten, zum Teil sogar mit einer ständigen Wasserspülung! Urin und Exkremente sammelte man oft getrennt, denn sie wurden zu Heilzwecken, als Dünger, zum Gerben und wer weiß, wozu noch wieder verwendet. Von hier stammt auch das lateinische Sprichwort "Pecunia non olet" (Geld stinkt nicht).
Im Mittelalter allerdings
ging das Meiste von diesem Wissen verloren. Warum, weiß man bis heute nicht genau. Vor allem in den Städten "entsorgten" die Menschen alles, was sie nicht mehr brauchten, einfach auf der Straße. Kot, Urin und Abfälle bedeckte die Gassen und Plätze, was vor allem im Sommer einem hygienischen Super-GAU gleichkam. Die Folge: Epidemien, wie zum Beispiel die Pest, breiteten sich wie ein Lauffeuer aus und rafften Millionen Menschen dahin.
Kanalsystem - Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts
fanden Wissenschafter heraus, dass giftige Schwefelwasserstoffdämpfe Schuld waren, warum so viele Arbeiter beim Räumen von oft jahrzehntelang verwendeten Senkgruben sterben mussten. 1882 entdeckte Robert Koch das Tuberkulosebakterium, und 1883 den Choleraerreger, der ja in erster Linie durch das Trinkwasser übertragen wird. Langsam bekamen die durch die Industrialisierung stark gewachsenen Großstädte ein flächendeckendes unterirdisches Kanalsystem für die Sammlung und Ableitung der Abwässer. Mittelgroße Städte zogen nach der Jahrundertwende nach, kleinere Orte bekamen oft überhaupt erst nach 1945 ein geeignetes Kanalnetz.
Das Grundproblem verlagerte sich
vorerst aber nur: Die mangelnde Hygiene in den dichtbesiedelten Wohngebieten verbesserte sich mit der fortschreitenden Kanalisierung, doch die Abwässer verseuchten nun eben die Gewässer, in die sie eingeleitet wurden. Und das umso stärker, als nun neben Fäkalien auch immer mehr industrielle Verunreinigungen vorkommen. Ein englischer Hygieniker beschreibt dies 1907 so: "Die Kinder machten sich ein Vergnügen daraus, die Giftblasen anzuzünden, die aus den Flussläufen aufstiegen. Es entstanden bis zu sechs Fuß hohe Flammen, die bis zu 100 Meter auf der Wasseroberfläche entlangliefen."
Erste Verfahren der Abwasserreinigung
wurden vor ungefähr 150 Jahren entwickelt. Waren es anfangs rein mechanische (Siebe, Feinrechen, Sandfänge), so ging man später dazu über, das Abwasser zusätzlich mit Kalk oder Chlor zu desinfizieren. Heute allerdings hat die Mikrobiologie Einzug in die Kläranlagen gehalten. Mikroorganismen - durch ständige Belüftung mit Sauerstoff versorgt - sorgen für eine natürliche Reinigung der Abwässer. Was schlussendlich übrigbleibt? Einerseits die mechanisch mit Rechen separierten festen Abfälle (sie kommen auf die Deponie), andererseits der Klärschlamm, der zur Produktion von Energie genutzt wird. Der Kreislauf schließt sich, indem das saubere Wasser in einen Fluss eingeleitet wird.


